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Beton wie Papier?

Challenge

Die Arbeiten untersuchen Beton in einem Zustand, der seiner üblichen Wahrnehmung widerspricht. Durch das Gießen in extrem dünnen Schichten entsteht ein Material, das seine typische Massivität verliert und sich stattdessen als fragile, membranartige Struktur zeigt. Die Oberfläche bleibt mineralisch und fest, zugleich entwickelt sie eine unerwartete Sensibilität: Beim Überstreichen entsteht ein Klang, der an Papier erinnert und die gewohnte Zuordnung von Material und Eigenschaft irritiert.

Damit verschiebt sich die Funktion von Beton grundlegend. Anstelle von Tragfähigkeit und Dauer tritt eine Qualität der Leichtigkeit und Durchlässigkeit. Der Werkstoff wird nicht mehr primär als konstruktives Element eingesetzt, sondern als Träger von Wahrnehmung – visuell, haptisch und akustisch. Die dünnen Schichten verweisen dabei häufig auf Prozesse wie Sedimentation, Schichtung oder Wachstum und erzeugen Assoziationen zu geologischen oder organischen Strukturen.

Im kunsthistorischen Kontext lässt sich dieser Ansatz als Weiterentwicklung materialbezogener Praktiken seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lesen. Während Beton in der Moderne vor allem für Stabilität, Rationalität und Dauer stand, wird er hier seiner funktionalen Eindeutigkeit entzogen. Die Reduktion auf minimale Materialstärken führt das Material an seine physische Grenze und macht seine Verletzlichkeit sichtbar. Diese Verschiebung knüpft an Positionen an, die Material nicht als statischen Träger, sondern als dynamisches, bedeutungsoffenes Medium begreifen.

Ein zentraler Aspekt ist die Erweiterung der Wahrnehmung durch den Klang. Die papierähnliche Geräuschentwicklung beim Berühren entsteht nicht als technischer Zusatz, sondern als direkte Folge der Materialkonstitution. Dadurch wird die Oberfläche zu einem Resonanzkörper, der auf minimale Interaktion reagiert. Die Arbeiten aktivieren eine Form der sinnlichen Erfahrung, in der Sehen, Tasten und Hören ineinandergreifen.

Formal bewegen sich die Arbeiten häufig zwischen Fläche und Objekt. Die dünnen Betonschichten wirken wie Häute oder Schnitte, die den Raum nicht begrenzen, sondern strukturieren. Linien, Einschlüsse oder farbliche Differenzierungen können dabei als Markierungen, Verdichtungen oder Eingriffe gelesen werden, die zwischen organischer Entwicklung und konstruktiver Setzung vermitteln.

Insgesamt entsteht ein Spannungsfeld zwischen Gegensätzen: Masse und Leichtigkeit, Stabilität und Fragilität, Industrie und Intimität. Beton erscheint nicht mehr als statisches, abgeschlossenes Material, sondern als veränderliche, empfindliche Oberfläche. Die Arbeiten verschieben damit die Grenzen eines etablierten Werkstoffs und eröffnen einen Zwischenbereich, in dem Materialität selbst zum zentralen Thema wird.

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